So, mal wieder ein "handfestes" Thema. Dass das Sättigungsgefühl bei Menschen mit Bulimie fehlt, ist bekannt. Dass man es wieder zurück bekommt, daran zweifeln viele Betroffene.
Ich will euch an dieser Stelle Hoffnung machen: es kommt wieder, wenn ihr es lasst.
Klar, wenn man sehr unregelmäßig und entweder zuviel oder zuwenig isst, hat es keine Chance. Wenn man es allerdings schafft, über mehrere Monate einigermaßen "normale" Portionen zu essen, dann ist es irgendwann soweit: man fühlt sich nach dem Essen gesättigt und nicht nur voll. Die Dauer hängt natürlich wieder davon ab, wie lange man schon essgestört war.
Doch woher kommt es eigentlich, dass das Sättigungsgefühl bei der Bulimie verschwindet?
Man kann hier eine Parallele zur Adipositas ziehen: auch diese Menschen kennen kein normales Sättigungsgefühl. Bei ihnen hat man festgestellt, dass sie eine Resistenz gegenüber dem Sättigungshormon Leptin aufweisen. Das Leptin, das bei Gesunden das Hungergefühl mindert, kann bei Adipösen seine Wirkung im Gehirn nicht entfalten. Wie dieser Mechanismus genau funktioniert, ist momentan allerdings noch nicht geklärt (Quelle).
Beim Gesunden ruft folgender Vorgang die Sättigung hervor:
Im Gehirn gibt es sowohl ein Sättigungs- als auch ein Hungerzentrum, die zum sog. orexischen Netzwerk gehören. Beide sind nie gleichzeitig aktiv. Man kann also entweder satt oder hungrig sein.
Sobald Essen im Magen ankommt, werden Mechanorezeptoren aktiv und melden dies dem Gehirn. Chemorezeptoren im Darm und der Leber reagieren, die den Nährstoffgehalt der Nahrung messen. Der Körper erkennt auf diese Weise, welcher Nährwert aufgenommen wurde.
Das Interessante an diesem Vorgang ist, dass er nicht funktioniert, wenn eine kleine, aber hochkalorische Nahrungsmenge aufgenommen wurde. In diesem Fall wird der Magen nicht (genug) ausgedehnt und die Chemorezeptoren werden dann auch nicht aktiv.
Sobald die Nahrung im Darm ankommt, werden dort Hormone gebildet, die erneut Sättigungssignale ans Gehirn senden. Das Gehirn setzt dann appetitzügelnde Substanzen frei, unter anderem Serotonin.
Warum ist das Sättigungsgefühl bei Bulimie gestört?
Bei der Bulimie kommen mehrere Dinge zusammen, die dieses fein abgestimmte System durcheinanderbringen.
Da ist zunächst der Essanfall selbst. Er überschwemmt den Körper mit einer Nahrungsmenge, die das normale Sättigungssystem gar nicht mehr sinnvoll verarbeiten kann. Die Signale, die eigentlich „Stopp, es reicht" sagen würden, werden während eines Anfalls immer wieder bewusst übergangen. Kommt dann noch das Erbrechen dazu, wird die Nahrung entfernt, bevor sie im Darm ankommt und dort die beschriebenen Sättigungshormone bilden kann. Das Gehirn bekommt also nie die vollständige Rückmeldung, die es für ein echtes Sättigungsgefühl bräuchte.
Dazu kommt der gedehnte Magen. Wer über längere Zeit immer wieder sehr große Mengen isst, dehnt den Magen regelmäßig stark aus. Mit der Zeit gewöhnt er sich an dieses größere Volumen – die Mechanorezeptoren schlagen dann erst bei entsprechend größeren Mengen an. Was bei einem „normalen" Magen längst ein Stop-Signal auslösen würde, reicht beim gedehnten Magen nicht mehr aus.
Besonders spannend wird es beim Hormon Cholecystokinin (CCK). Es ist eines der wichtigsten Sättigungshormone und wird im Darm gebildet, sobald Nahrung dort ankommt. Bei Menschen mit Bulimie hat man in Studien festgestellt, dass die Ausschüttung dieses Hormons vermindert ist. Weniger CCK bedeutet weniger Sättigungssignal, man isst also weiter, obwohl der Körper eigentlich längst genug hätte.
Und schließlich das Serotonin. Wie oben beschrieben, setzt das Gehirn zur Sättigung unter anderem Serotonin frei. Bei der Bulimie ist der Serotoninhaushalt häufig gestört. Da Serotonin gleichzeitig eine große Rolle für die Stimmung spielt, erklärt das nebenbei auch, warum Essstörungen und depressive Verstimmungen so oft Hand in Hand gehen.
Was bedeutet das für mich?
Der vielleicht wichtigste Punkt ist aber gleichzeitig der hoffnungsvollste: Das Sättigungssystem ist lernfähig. Wer seine Sättigungssignale über Monate oder Jahre immer wieder ignoriert, „trainiert" dem Körper gewissermaßen ab, überhaupt noch darauf zu achten. Die gute Nachricht ist: genau das lässt sich auch wieder umkehren.
Und damit sind wir wieder am Anfang. Wenn ihr eurem Körper über einen längeren Zeitraum regelmäßige, normale Mahlzeiten gönnt, bekommen der Magen, die Hormonausschüttung und das Gehirn die Chance, sich neu einzupendeln. Das System muss vieles wieder lernen, und das braucht Zeit und Geduld. Das Sättigungsgefühl ist nicht für immer verloren, sondern kommt zurück, wenn ihr es lasst.



